Freitag, 11. März 2011
Mein Vater
Ich hatte mich nicht auf diesen Tag gefreut. Mit offensichtlichem Unbehagen stand ich vor der Tür eines Schlafzimmers in einem Haus, in dem mein Vater lange gelebt hatte. Letzte Nacht war er, wohl mehr oder weniger erwartet gestorben und als sein Sohn fühlte ich mich auf irgendeine Art und Weise dazu verpflichtet, mich von ihm zu verabschieden. Ich schaffte es nicht einmal mehr, mir sein Gesicht vorzustellen, so lange war es gewesen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Dem aufmerksamen Leser wird sicher schon aufgefallen sein, dass meine Beziehung zu meinem Vater nicht sehr gut war. Ich möchte jedoch verdeutlichen, dass ich diesen Mann seit gut 15 Jahren weder gesehen noch mit ihm gesprochen hatte. Selbst von seinem Tod hatte mich das Standesamt informiert.
Warum war ich also hier? Ich hatte keine Ahnung.
Vielleicht erwartete ich, im Angesicht seines toten Körpers in Tränen auszubrechen und mich an all die wunderbaren dinge zu erinnern, die wir früher zusammen unternommen hatten und dann würde ich zu dem Schluss kommen, dass er ein großartiger Mann gewesen war und ich mich in Frieden und gutem Gewissen von ihm trennen konnte. Dann würde ich mich an einen Tisch mit der ganzen Familie setzen und wir würden zusammen darüber reden, was für ein toller Mann er gewesen war und zusammen in Tränen ausbrechen und mein ganzes Leben würde in plüschgepolsterte himmelblaue Schäfchenwolken gepackt sein.
Ich machte mir nichts vor: Ich tanzte über eine virtuelle Blümchenwiese und das, mit einem Vater, den ich nie hatte. Wieso sollte mir ein Mann, der mir im Leben nichts bedeutet hatte im Tod auf einmal wichtig sein? Dann wiederum stellte sich mir die Frage, warum zum Teufel ich überhaupt hergekommen war. Wahrscheinlich wünschte ich mir insgeheim, mein Leben wäre in besagte Schäfchenwolken gepackt.
Mit jedem Moment wurde ich wütender auf mich selbst. Vor Jahren hatte ich eine Tür erfolgreich geschlossen und jetzt öffnete ich sie wieder und betrat einen dunklen, mir unheimlichen Raum, in dem mir der Staub der vergangenen Jahre ins Gesicht wirbelte. Die Tatsache, dass ich jetzt hier stand, kam einer Niederlage gleich. Ich konnte nicht umhin zu denken, dass die Zeit, in der ich mir sicher gewesen war, mich emotional von ihm getrennt zu haben, nichts weiter als Selbsttäuschung war. Ich hatte allen Grund, ihn zu hassen und doch tat ich es nicht. Ich hatte Hass und Groll gegen ein rationaleres Gefühl eingetauscht und gehofft, dass mir das eine gewisse emotionale Distanz bringen würde. Im Endeffekt lag ich wohl falsch, denn effektiv stand ich jetzt vor seiner Schlafzimmertür und wartete darauf, dass seine Frau den Raum verlies und ich eintreten konnte.
Ich zupfte noch etwas an meinem Anzugärmel herum und hörte schon bald das Geräusch der Tür zum Schlafzimmer. Mit kleinen Schritten und verweinten Augen lief die Frau meines Vaters an mir vorbei und würdigte mich dabei keines Blickes. Schweren Herzens und in sehnsüchtiger Angst, mich würden die Emotionen übermannen öffnete ich die Tür und erblickte den toten Körper meines Vaters. Genau so gut hätte es irgendjemand anderes sein können. Es regten sich keinerlei Emotionen in mir, ich erkannte ihn auf den ersten Blick nicht einmal. Ein austauschbares Gesicht blickte mich mit ausdruckslosen Augen an.
Ich brauchte keine 2 Minuten und selbst in der Zeit stand ich nur da und dachte an nichts. Ich drehte mich um, verlies wortlos das Haus und schloss, als ich auf die Straße trat, mehr als eine Tür hinter mir.

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Dienstag, 8. März 2011
Masken
Im Leben trägst du hundert Masken,
denn dein Antlitz zeigt Verfall.
Kannst nicht steh'n und willst nicht rasten,
willkomen auf dem Maskenball.

Im Schatten dreh'nder Tänzerpaare
sitzt kauernd die Gestalt,
die keine Maske scheint zu tragen,
sie wirkt kümmerlich und alt.

Sollte sie sich wagen dreh'n,
wird man ihr Gesicht zerkratzen.
mit scharfen Nägeln, Klauen, Zähnen,
die Haut gibt keinen Widerstand.

Und wenn sie blutend liegt am Boden,
mit Füßen tritt man dann nach ihr.
Und wenn ihr fragt, wer sind die Teufel?
Die Antwort, simpel, das sind wir.

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